Warum wir ALLE unter Traumata leiden und welchen Einfluss das auf unser Leben hat

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Trauma, Traumata, Trauer

Keiner von uns kommt durch seine Kindheit ohne ein Trauma. Viele von euch werden jetzt vielleicht denken, ich hatte eine schöne Kindheit und traumatisiert wurde ich ganz sicher nicht. Andere werden sich an die eine oder andere Situation in ihrem Leben erinnern, wo sie sich hilflos gefühlt haben.

Die meisten traumatisierenden Situationen passieren in den eigenen Familien. Wir sind traumatisiert von unseren Eltern die sind traumatisiert von deren Eltern und so wird ein Trauma von Generation zu Generation weitergegeben. Durch den zweiten Weltkrieg ist die Dynamik sicherlich noch verstärkt wurden in Deutschland. Hier soll es aber nicht darum gehen einen 'Schuldigen' zu finden.

Hier geht es darum aufzuwachen, um weitere traumatische Erfahrungen zu vermeiden. Dafür müssen wir uns allerdings erstmal wieder spüren, unsere Verletzlichkeit wieder zurückholen und uns nicht weiter hinter Mauern verstecken. Hinter diesen Mauern lauern von unserer Psyche nicht verarbeitete Gefühle. Die gilt es zu schützen auf Kosten unserer Empfindungen für uns und andere. Alles das passiert durch ein traumatisches Erlebnis.

Aber was ist überhaupt ein Trauma? Wie entsteht ein Trauma? Und welche Auswirkung hat das Trauma auf unsere Psyche und somit auf unser Leben?

Auf diese Fragen möchte ich im folgenden Artikel näher eingehen, um euch im besten Falle mehr Klarheit für eure inneren Zustände und Gedanken zu verschaffen.

Was ist überhaupt ein Trauma und wie entsteht es?

Trauma heißt Wunde und wenn ich hier von Trauma spreche meine ich das psychologische Trauma, also eine psychische Wunde. Hier geht es nicht um die Posttraumatische Belastungsstörung, dass wäre ja wiederum eine Diagnose.

Traumata sind eine sehr individuelle Angelegenheit, ein und dieselbe Situation kann den einen traumatisieren und den anderen nicht. Das hängt von unserem Alter, Erfahrung, Können und Wissen ab. Während eine bedrohliche Situation für den einen ausweglos erscheint, kann sich für den anderen noch eine Möglichkeit ergeben, welche ihn von einer Traumatisierung bewahren kann. Deswegen sind Babys und Kinder besonders gefährdet traumatisiert zu werden. Sie sind sehr verletzlich und ihre Möglichkeiten, sich zu wehren oder zu helfen, sehr eingeschränkt. Demnach ist es relativ, welche Situation für einen Menschen traumatisierend sein kann.

Doch was muss passieren, dass eine Situation für uns traumatisch ist?

Darüber gibt es viel Literatur, aber um es mal zu vereinfachen, kann man folgendes Gleichnis aufstellen:

Angriff oder Flucht sind in einer bedrohlichen Situation nicht möglich

=

Trauma

Wenn wir an Kriege und Naturkatastrophen denken leuchtet uns das ein. Doch ein Trauma entsteht nicht nur, wenn unser Leben in Gefahr ist, sondern auch in Situationen wie Prof. Franz Ruppert beschreibt:

Ein Trauma beginnt mit einer Situation großer Bedrohung für Leben, Gesundheit oder psychische Integrität eines Menschen. Sie kann seinen körperlichen, emotionalen oder sozialen Tod bedeuten.

Das bedeutet beispielsweise, wenn ein Kind nachts aufwacht und seine Eltern gerade bei den Nachbarn sind und das Kind davon nichts wusste und seine Eltern nicht findet, kann diese Situation für das Kind schon traumatisierend sein. Was sich erstmal gar nicht so bedrohlich anhört, kann für das Kind eine äußerst existenzbedrohende Situation sein.

Ein Trauma entsteht also dann wenn alle Stressverarbeitungsmechanismen und -strategien versagen, um dieser Situation zu entkommen.

Was passiert mit unserer Psyche und unserem Körper bei einem Trauma?

Unsere Psyche ist dafür da, um uns unsere Realität zu erschließen. Wenn die Realität auf uns bedrohlich wirkt, setzt unsere Psyche Stressprogramme in gang, um auf die Bedrohung zu reagieren. Hier entsteht eine plötzliche Öffnung aller psychischen Kanäle. Unsere Wahrnehmung des Denkens und Fühlens ist in diesem Moment so fokussiert, um die Bedrohung zu beseitigen oder ihr zu entkommen. Dabei werden andere Programme, die auf Nahrungsverdauung, Erholung, Regeneration oder Fortpflanzung spezialisiert sind zum größten Teil abgeschaltet.

Wenn die Stressprogramme nicht ausreichen der Gefahr zu entkommen und das Erleben unerträglich ist, setzen die sogenannten Trauma – Notfallprogramme ein. Weil die Stressprogramme hinsichtlich der ausweglosen Situation unser Leben jetzt eher in Gefahr bringen als uns helfen, müssen sie zum Stillstand gebracht werden. Genau am Höhepunkt, der für die Psyche nicht mehr erträglichen Gefühle, werden die Stressprogramme eingefroren, um des Überlebens willen.

Dies macht zum Beispiel in solchen Situation Sinn, in denen man normalerweise, um Hilfe schreien möchte, aber von dem Täter nicht entdeckt werden will.

Hier werden wichtige psychische Funktionen blockiert, und somit abgespalten, um irgendwie noch funktional zu sein. Die Realität muss in der Traumasituation ausgeblendet werden und stellt eine hoch emotionale Erschütterung dar, die später von der Psyche nicht einfach wieder so integriert werden kann.

Nach einer Traumatisierung haben wir nur noch eine reduzierte Sicht auf die Realität, die nur die Einflüsse unserer Umwelt zulässt, die das Trauma ausblenden.

Da die Traumagefühle in unsern Nervenzellen abgespeichert werden und grundsätzlich erinnerbar bleiben, werden sie zum Problem für uns. Sie lösen sich nicht mehr auf, sie müssen sogar fortan mit viel Energie unterdrückt werden, um nicht in unser Bewusstsein einzudringen. Dieser ständige kraftzehrende Aufwand hat fortreichende Folgen auf unsere Gesundheit:

Trauma und Krankheit

Trauma und Folgen

Welche Merkmale hat unsere Psyche nach einer Traumatisierung

Hier möchte ich euch das Erklärungsmodell von Prof. Franz Ruppert vorstellen, weil es meines Erachtens die meiste Klarheit über unsere Psyche gibt.

Nach Franz Ruppert und auch meiner Beobachtung teilt sich die Psyche nach einer Trauma Erfahrung in drei Anteile, dessen Merkmale ich euch kurz vorstellen will:

1 Traumatisierte Anteile

Hier werden alle Gefühle, wie Wut, Scham, Angst, Ekel und alle Gedanken, die in der jeweiligen Situation erlebt wurden abgespeichert. Sie werden von unserem restlichen Empfinden so gut es geht isoliert. Man kann sich das wie eine abgeschottete Kapsel in unserem Organismus vorstellen, wo Mauern drumherum hochgezogen werden, um diese Gefühle nicht mehr erleben zu müssen.

Das funktioniert aber nur teilweise, deswegen kann es z.B. beim Schlafen zum aufbrechen der Kapsel kommen, und Albträume können dann die Folge sein. Auch Alltagssitutationen können plötzlich an die Traumasituation erinnern und zu so genannten „Triggern“ werden. Da reichen schon Gerüche, Berührungen oder Geräusche, um plötzliche Reaktion in der Psyche und Körper auszulösen.

Bei leichten "Triggern" kann es sich auch wie eine innere Unruhe anfühlen, die dann längere Zeit anhält. Traumagefühle sind meines Erachtens und aus Beobachtung meiner Arbeit mit Klienten, nicht immer klar definierte Gefühle, sondern eher Zustände von aufgewühlt sein und tiefer Unruhe, die für viele schwer zu ertragen sind.

Weiterhin können Traumagefühle nach Jahrzehnten aus ihrem Schutzpanzer ausbrechen und ins Bewusstsein schießen und die betreffende Person erneut retraumatisieren.

Merkmale traumarisierter Anteile

  1. Speichern die negativen Erinnerung an die Traumsituation ab
  2. Bleiben auf der Altersstufe zum jeweiligen Zeitpunkt der Situation stehen
  3. Suchen ständig nach einem Ausweg aus dem Trauma
  4. Können plötzlich „getriggert“ werden
  5. Wollen aus ihrer Kapsel befreit werden

2 Trauma – Überlebensanteile

Das eigene Überleben zu sichern gehört zu den Grundeigenschaften jedes Lebewesens. Trauma – Überlebensanteile sichern hingehen das psychische überleben nach dem Trauma. Sie legen der Psyche quasi Handfesseln an, um zu verhindern, dass sie ihre vollkommende Wahrnehmungskapazität ausschöpfen kann.

Unsere Psyche soll nicht mit der traumatischen Situationen in Berührung kommen. Also werden Kontrollsysteme installiert, die gewisse psychische Funktionen so früh wie möglich abschalten, sobald diese mit dem Traumaerlebnis in Kontakt kommen könnte.

Die Überlebensanteile sehen in dieser psychischen Spaltung und Kontrolle nicht das Problem. Sie haben schließlich in der Traumsituation unser überleben gesichert und warum sollten sie es jetzt nicht genau so weiter machen.

Auch wenn die Überlebensanteile in der Traumasituation für uns unabdingbar notwendig waren und unsere Psyche in diesem Moment für uns eine ganz gesunde Entscheidung getroffen hat, sind sie im weitern Verlauf unseres Lebens äußerst destruktiv.

Sie richten mehr schaden im Organismus und im sozialen Umfeld der betreffenden Person an, als das diese ihr nützlich wären. Sie erzeugen enorme Anstrengungen und Stress und führen nicht selten zu Situationen der Überforderung und Erschöpfung.

Weiterhin steigt die Wahrscheinlichkeit sich erneut zu traumatisieren, weil sich die betreffenden Personen eben nicht mehr spüren und somit auch die Gefühle der anderen nicht mehr wahrnehmen können und so die Gefahr sehr hoch ist, anderen und sich selbst wieder zu schaden.

Merkmale Trauma -Überlebensanteile

  1. Sichern das Überleben in und nach der Traumasituation
  2. Verdrängung und Verleugnung der Traumsituation, als ob sie nie passiert ist
  3. So tun als ob alles in bester Ordnung sei: „Mir gehts gut! Habe alles im Griff!“
  4. Sich mehr um andere Kümmern als um sich selbst, um sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen
  5. In den Symptomen nicht das Warnsignal zu erkennen, sondern das eigentlich Problem zu sehen
  6. Sich in soziale Rollen zu flüchten, um sich durch die Rolle  zu schützen.
  7. Kontrollieren der traumatischen Anteile
  8. 'Abladen' eigene Traumagefühle bei anderen
  9. Erzeugen von Illusionen
  10. Aufzeigen dominanter oder latent aggressiver Verhaltensweisen

3 Gesunde Anteile

Natürlich hat unsere Psyche nach einem traumatischen Erlebnis noch genügend gesunde Funktionen. Der Wille was zu verändern ist beispielsweise ein gesunder Anteil.

Eine gesunde Psyche kann zwischen Wohlzuständen und Stresszuständen einfach hin und her wechseln. Warum sollte sie das auch nicht können? Ist die Gefahr gebannt kann sich wieder entspannt werden und Regenerationsprogramme können aktivieret werden. Bleibt man nach einer stressigen Situation in der Spannung und schafft es nicht in den Wohlzustand zu kommen, hat ein traumatisches Erlebnis damit zu tun, auch wenn wir uns nicht erinnern können.

Doch der Wille zur Klarheit und Offenheit und der Wille zu Reflexion sind klare Signale gesunder Anteile.

„Warum komme ich einfach nicht runter und kann entspannen oder ich möchte endlich wieder eine emotionale Bindung aufbauen!“ Das alles sind Gedanken oder Aussagen gesunder Anteile.

Im Großen und Ganzen sind es Zustände, in denen wir uns wohlfühlen, Spaß am Entdecken und Freude daran haben etwas neues zu lernen. Uns daran erfreuen regenerieren zu können und so neue Kraft zu schöpfen. Wir erkennen sie  daran, wenn wir uns einfach leicht und weit fühlen.

Merkmale Gesunder Anteile

  1. Eigene Lebensenergie und Kraft
  2. Fähigkeit alle Gefühle angemessen auszudrücken
  3. Begründetes Vertrauen in andere Menschen
  4. Fähigkeit emotionale Bindungen aufzubauen
  5. Fähigkeit „gesunde“ Beziehungen zu gestalten
  6. Erwachsener Umgang mit Sexualität
  7. Wille zu Wahrheit und Klarheit
  8. Bereitschaft zur Reflexion des eigenen Handelns
  9. Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung

Ich hoffe ich konnte dich für dein eigenes Trauma ein wenig sensibilisieren. Denn die Welt ist geprägt von Kriegen, terrorristischen Aktionen, Missgunst und vor allem wenig Empathie. Das sind alles Ursachen von Trauma und deren destruktiven Überlebensanteilen. Trauma hat aber nichts mit Krankheit zu tun, sondern mit unserem Leben und dessen Reaktion darauf. Unsere Psyche reagiert nun einmal so, um uns zu schützen. Die Natur hat sie so geschaffen und hervorgebracht. Weiterhin hat unsere Psyche uns auch einen Teil gegeben, mit dem sie sich selbst beobachten kann und uns  dadurch die Möglichkeit gibt sie zu regenerieren. Dafür braucht sie aber uns, unseren freien Willen und Mut. Ich habe in meiner Arbeit schon oft Menschen erlebt, die diesen Mut aufgebracht haben und ihrer Psyche in diesem Sinne geholfen haben. Sie haben ihr Trauma befreit und in ihr psychisches System wieder integriert. Diese Menschen haben plötzlich eine ganz andere Ausstrahlung. Sie wirken entspannter, offener und vitaler. Sie berichten, dass sich ihre Beziehungen verändern, sie mit sich selbst einen liebevolleren Umgang pflegen und vor allem wieder mehr fühlen. Ich hoffe für euch alle ihr könnt diesen Beobachter für euch nutzen und somit zu einem besseren miteinander beitragen. 

Sei anders!

Marcus

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1 Kommentar

  1. […] in meinem letzten Artikel beschrieb ich ausführlicher, Warum Traumata immer wieder traumatische Situationen in ihr Leben […]

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